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Explikation
Während eine Definition in einer Sprache einen neuen Begriff in sie einführt, ist eine Explikation ("Entfaltung", von lat. plica = Falte) die Überführung eines bereits im Gebrauch befindlichen, unklaren Begriffs in einen klaren Begriff durch eine Prozedur, die auch Definitionen und andere Akte einschließt. Wenn ein Wissenschaftler beispielsweise den umgangssprachlichen Ausdruck "Hirnschlag", unter dem man sich bisher nichts Genaues vorstellen konnte, klärt, indem er zeigt, dass es sich dabei um die bereits bekannte Apoplexie? (Hirnblutung durch einen Gefäßriss im Gehirn) handelt und dann den Ausdruck durch diesen letzteren Begriff definiert ("Jemand hat einen Hirnschlag erlitten genau dann, wenn bei ihm eine Apoplexie eingetreten ist"), dann hat er den vagen Begriff des Hirnschlags (in aller Kürze) expliziert.
So wichtig für eine Fachsprache das Definieren ihrer Begriffe auch zweifellos ist, die Unklarheit und das Tohuwabohu, die einen bestimmten Begriff dieser Sprache – wie zum Beispiel die Begriffe der Gesundheit? und Krankheit? in der Medizin – umgeben, lassen sich nicht allein durch eine Definition aus der Welt schaffen. Dafür gibt es viele Gründe. Zum Beispiel zwei davon sind:
Erstens werden in einem mit der Gesellschaft verflochtenen 'Dienstleistungsbetrieb' wie der Medizin solche Begriffe – wie Gesundheit und Krankheit – nicht nur von den Fachleuten selbst, sondern auch von dem Publikum gebraucht. Dadurch erleiden sie immer mehr syntaktische? und semantische? 'Erosionen'. Zweitens besteht der Hauptgrund dafür darin, dass ein solcher Begriff in der Regel der Name eines Systems, einer Struktur oder eines Prozesses ist, die in sich viel zu komplex sind, als dass sie durch eine einzige Ein-Satz-Definition der Art
- • Ein Zustand ist Gesundheit genau dann, wenn A, B, C vorliegt
- • Ein Zustand ist Krankheit genau dann, wenn D, E, F vorliegt
dargestellt oder erfasst werden könnten. Wer also nach der Klärung eines solchen Begriffs durch eine griffige Definition verlangt, hat den Sachverhalt nicht verstanden. Die Klärung eines solchen, unklaren Begriffs erfordert unter Umständen eine umfangreiche wissenschaftliche Theorie, die neben vielen Definitionen auch logische Beweise,? Lemmata,? Theoreme? und viele andere, syntaktisch-semantische wie auch empirische Analysen und Aussagen enthalten kann, um die Position des Begriffs innerhalb des gesamten Begriffs- und Theoriennetzwerks, in dem es steckt, freizulegen und ihn aus seinem unklaren Status in einen klaren zu überführen. Beispielsweise ist die ganze Stochastik? aus der Klärung des ursprünglich umgangssprachlichen Zufalls-? und Wahrscheinlichkeitsbegriffs? der Glücksspiele? hervorgegangen, die Thermodynamik? aus der Klärung des Wärmebegriffs,? die Logik? aus der Klärung des Folgerungsbegriffs? "Aus A folgt B" usw.
Der zu klärende Begriff in seinem unklaren Status heißt das Explikandum (das zu Entfaltende, das zu Klärende). Ein solches Explikandum sei zum Beispiel der unklare Terminus "Hirnschlag", unter dem jeder etwas anderes versteht. Der Begriff in seinem durch die Klärungsprozedur geklärten Status ("Apoplexie") wird als das Explikat bezeichnet (das Entfaltete, das Geklärte). Die Prozedur der Klärung ist die Explikation des Begriffs.
Eine Explikation ist eine mehr oder weniger komplexe Arbeit, die unter Umständen Jahre, Jahrzehnte und Jahrhunderte in Anspruch nehmen kann, und produziert in vielen Fällen wissenschaftliche Forschungsprogramme, Theorien und Traditionen (die Explikation von "Aus A folgt B" zum Beispiel hat über 2000 Jahre gedauert, von Aristoteles? bis Gottlob Frege?).